Neuigkeiten:

Meine Geschichte "Das Kind" wurde als Siegergeschichte des Weltentor Wettbewerbs (NOEL-Verlag) im Bereich Mystery ausgewählt.

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Aktuelle Bücher: 

Vom Öffnen schwerer Türen. Herausgegeben von Simone Philipp und Anton Christian Glatz, Esch Verlag, Potsdam, 2015.

 

Frischer Wind in flauen Gassen. Die erste Anthologie des Literaturflohmarkts 2.0. Herausgegeben von Anton Christian Glatz/Simone Philipp/Eva Schwinger, erschienen im Eigenverlag S. Philipp. 2014.

  

Hunde verdienen keine Namen, eine Sammlung von Geschichten, Märchen und Fabeln.

Eigenverlag S. Philipp, 2014.

 

Novembergrab. Ein Entwicklungsroman in historischem Kontext.

Eigenverlag S. Philipp, 2014.

 

 

 

Letzte Aktualisierung:

21. Oktober 2017

Leseprobe "Novembergrab"

 

 „Ich kann diesen Fraß nicht mehr sehen!“ Der Mann schob den Teller mit dem wässrigen Gerstenbrei von sich. „Wenn es nicht bald wieder etwas Ordentliches zu essen gibt, dann …“ Er schüttelte unwillig den Kopf.

Die übrigen Gesellen, die mit ihm am Tisch saßen, stimmten murrend zu. „Sprachen wir nicht unlängst über eine Burg ganz in der Nähe?“, warf einer von ihnen ein.

„Ja, wie steht es mit diesem Hof? Gibt es dort für uns irgendetwas zu holen?“ Einer der Männer fragte mit dröhnender Stimme, so dass seine Worte durch die ganze Halle hindurch zu vernehmen waren. Das Haar hing ihm lang und verfilzt über die Schultern, sein zerrissenes Gewand stank nach Dreck und Schweiß und war mit Sicherheit von Flöhen und Läusen bevölkert. Ein Gesetzesbrecher war er, ganz wie all die anderen, ein Räuber oder gar ein Mörder. Und wie die übrigen Männer war er mit dem Kirchenbann und der Reichsacht belegt und musste beten und hoffen, dass kein Häscher oder Kopfgeldjäger auf seine Spur kam, denn dann erwarteten ihn das Richtschwert oder der Strick.

„Seit Tagen lasse ich jene Burg beschatten.“ Ein kräftiger Mann erhob sich von einem der Tische. Er schien der Anführer des Haufens zu sein oder sich selbst zumindest dafür zu halten. „Sie ist nicht groß, eher eine bescheidene Anlage. Doch der Herr ist vermögend, wir konnten eine Menge guter Soldaten beobachten. Und deswegen …“, er machte eine kurze Pause, „… habe ich noch keine Entscheidung getroffen, ob wir dieses Wagnis eingehen sollen oder nicht.“

„Lasst es uns eingehen!“, rief jener Mann, der das Essen von sich geschoben hatte. „In diesem Loch hier verliere ich noch den Verstand.“

Die anderen bekräftigten seine Worte lauthals. „Und ein paar Frauen hätten wir auch mal wieder notwendig.“ Sie lachten derb.

„Nun.“ Der Führer nickte langsam. Seine Überzeugung hielt sich offensichtlich in Grenzen. „Dann ist es also beschlossene Sache. Morgen Nacht schlagen wir los.“ Er blickte in die Runde. „Wer von euch setzt die Wachsoldaten am äußeren Tor außer Gefecht?“

So sehr die Männer gerade noch mit Begeisterung seinen Worten gelauscht hatten, so beschäftigt schienen sie mit einem Mal. Sie polierten ihre Waffen, banden ihre Stiefel, sahen in die Luft oder starrten gedankenverloren an die Wand.

„Herrgott noch mal!“, schimpfte der Anführer. „Ihr seid nichts weiter als ein Haufen verdammter Feiglinge. Dann mache ich es eben selbst, obwohl ich letztes Mal bereits ...“

„Ich werde es tun.“

Ganz hinten, am Ende der Halle, hatte sich ein Junge mit nahezu weißem Haar vom Boden erhoben. In seiner Jugend und Schönheit wirkte er irritierend und wie ein Fremdkörper unter all dem wilden Gesindel.

„Teufel auch“, stöhnte einer. „Der Küchenjunge hat uns verheimlicht, dass er in Wahrheit ein großer Krieger ist.“ Er lachte verächtlich.

„Hör zu, Herrensöhnchen“, fügte ein zweiter hinzu. „Du kannst uns mehr als dankbar dafür sein, dass wir dich hier aufgenommen haben, anstatt dir die Kehle durchzuschneiden. Halte jetzt lieber deinen vorlauten Mund, ehe wir uns anders entscheiden.“ Mit grinsender Überlegenheit lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. „Wenn die Männer ausziehen, um Beute zu machen, haben Weiber und Kinder zu Hause zu bleiben.“

„Lasst ihn doch“, sagte ein anderer und mühte sich um Versöhnung, froh darüber, dass einer bereit war, freiwillig die undankbare und gefährliche Aufgabe zu übernehmen, die Soldaten am äußeren Tor auszuschalten. „Wenn er sich unbedingt beweisen will.“

„Beweisen!“, grölte ein vierter. „Im Handumdrehen erwischen ihn die Soldaten und dann? Seht ihn euch an: der hat in seinem Lebtag noch keinen Schmerz ertragen müssen. Einer wie er wird seinen Mund aufmachen, kaum dass sie ihn nur piksen. Und am Ende lassen sie ihn laufen, weil er einer von ihnen ist. Uns aber wird es den Kopf kosten, wenn wir ihn mitnehmen. Hab ich nicht Recht?“

„Das sehe ich ganz genauso“, stimmte ein weiterer zu. „Wir sollten ihm den Hintern versohlen für seine Frechheit, wie einem ungezogenen Kind.“ Und dann sah er zu dem Jungen hinüber. „Glaubst du, wir wissen nichts über euch?“, schrie er ihn an. „Meinst du, wir hätten keine Ahnung davon, dass ihr euch euer angenehmes Leben auf euren feinen Burgen nur deswegen leisten könnt, weil andere für euch arbeiten? Andere, die ihr mit Waffengewalt unter euren Willen zwingt.“ Er spuckte aus.

Der Junge hielt dem Mann stand, ohne den Blick abzuwenden. Seine Augen waren von einem ungewöhnlich durchdringenden Blau. Und das Starren schien den Mann noch wütender zu machen.

„Sieh her!“, brüllte er. Mit einer Hand weitete er den oberen Ausschnitt seines Hemdes und entblößte von tiefen Narben zerfurchte Schultern. „Braucht es noch mehr? Was glaubst du, was die anderen hier erdulden mussten, in euren Verliesen, auf euren Feldern, in euren ...“

„Genug jetzt!“, fuhr einer dazwischen. „Was kann denn der Junge dafür? Lasst ihn in Ruhe! Er soll die Tische abräumen und wir können weiter besprechen.“

Doch einige der Männer schienen nicht zufrieden. „Nein, er soll zeigen, dass er nicht nur ein großes Maul hat!“ Einer von ihnen zog sein Schwert aus der Scheide und warf eine zweite Waffe auf den Tisch. „Wir wollen sehen, was du kannst!“

Der Junge mit dem weißen Haar tat einen Schritt, griff nach dem Heft des Schwertes und schlug dem Mann vor ihm mit einer kaum auszumachenden Bewegung die Waffe aus der Hand. Es war totenstill in der Halle, bis die anderen begriffen hatten, dass der Kampf bereits vorüber war.

„Der Junge wird morgen Nacht mit dabei sein“, sagte der Anführer endlich. „Und ich dulde keinen Widerspruch.“

Als die folgende Nacht hereinbrach, verbargen sich die Männer im Dickicht des Waldes, während sich der Junge mit dem weißen Haar auf leisen Sohlen der Burganlage näherte. Wie ein Schatten fiel er die beiden Soldaten am äußeren Tor aus dem Dunkeln an und schlug sie mit einem großen Stein zu Boden, ohne dabei auch nur ein einziges verräterisches Geräusch zu verursachen. Anschließend sprang er über die Mauer und öffnete von innen die Flügel des Einganges. Die Angreifer drangen auf den Grund und in die Gebäude vor und das Blut der Bewohner floss reichlich von ihren Klingen. Und auch der Junge selbst verstrickte sich in einen heftigen Kampf mit dem Lehnsherrn und einigen seiner Soldaten. Doch als ihm einer der Männer zu Hilfe eilen wollte, hielt ihn ein anderer zurück.

„Sieh dir das an!“, sagte er leise. „Er mag noch ein halbes Kind sein, aber er kämpft besser als selbst der Teufel. Der braucht unsere Hilfe nicht.“

Und die beiden Männer verfolgten staunend aus dem Hintergrund heraus, wie die Soldaten einer nach dem anderen von der Hand des Jungen fielen, bis ihm zuletzt der Herr der Burg allein gegenüberstand. Als dieser zu einem gewaltigen Hieb ansetzte, parierte der Junge den Schlag zur Seite hin und brachte anschließend seinen Gegner durch eine winzige Bewegung seines Fußes zu Fall. Dabei verlor der Lehnsherr seine Waffe, die klirrend über den Boden rutschte.

„Heb’ dein Schwert auf!“, wies der Junge ihn an.

„Ich ergebe mich“, stieß der Mann voller Verzweiflung hervor und zog die Beine unter seinen Körper, so dass er vor dem Jungen auf den Knien lag. „Ich flehe Euch an. Schont mein Leben. Nehmt Euch, was Ihr wollt. Ich besitze Gold … und habe ein paar hübsche Mägde …“

„Dein Gold und deine Weiber kümmern mich einen Scheißdreck!“, schrie der Junge. „Alles, was ich will, ist ein guter Kampf. Also, steh jetzt augenblicklich auf, hol’ deine Waffe und dann kämpfe wie ein Mann, du Feigling!“

Doch der Lehnsherr schüttelte lediglich stumm den Kopf und es war offensichtlich, dass er der Anweisung seines Gegenübers, den Kampf bis zum Tod fortzuführen, nicht nachkommen würde. Da ließ der Junge sein Schwert fallen und zog stattdessen ein Messer aus seinem Gürtel. Er tat einen Schritt nach vorne und fiel dann wie ein Raubtier über den unbewaffneten und am Boden knienden Mann her. Immer wieder stach er auf ihn ein und er ließ auch nicht von seinem Opfer ab, als das Bündel unter ihm nur mehr ein schlaffer Sack war, aus dem das Blut in einer hohen Fontäne aus der durchtrennten Halsschlagader schoss.

Irgendwann rissen die beiden Männer, die sich im Hintergrund des Kampfes gehalten hatten, den Jungen aus seinem Tun und als dieser sich gegen sie zur Wehr setzte, schlug ihm der eine die Faust gegen das Kinn.

„Hör endlich auf!“, brüllte er. „Er ist doch schon längst tot!“

Und der Junge starrte auf den Leichnam unter sich und verharrte eine Ewigkeit auf der Stelle, zitternd vor Berauschung an der Macht des Tötens und durchtränkt von eigenem Schweiß und fremdem Blut.