Neuigkeiten:

Meine Geschichte "Das Kind" wurde als Siegergeschichte des Weltentor Wettbewerbs (NOEL-Verlag) im Bereich Mystery ausgewählt.

http://www.noel-verlag.de/

 

 

Aktuelle Bücher: 

Vom Öffnen schwerer Türen. Herausgegeben von Simone Philipp und Anton Christian Glatz, Esch Verlag, Potsdam, 2015.

 

Frischer Wind in flauen Gassen. Die erste Anthologie des Literaturflohmarkts 2.0. Herausgegeben von Anton Christian Glatz/Simone Philipp/Eva Schwinger, erschienen im Eigenverlag S. Philipp. 2014.

  

Hunde verdienen keine Namen, eine Sammlung von Geschichten, Märchen und Fabeln.

Eigenverlag S. Philipp, 2014.

 

Novembergrab. Ein Entwicklungsroman in historischem Kontext.

Eigenverlag S. Philipp, 2014.

 

 

 

Letzte Aktualisierung:

21. Oktober 2017

Leseprobe "Hunde verdienen keine Namen"

 

Im Graben

Das Bild knistert in meiner Tasche. Ich lehne mich zurück, presse meine Schultern gegen den kalten Erdwall in meinem Rücken und hole die Aufnahme hervor. Sie ist ein wenig zerknickt, aber die Sterne über mir leuchten so hell, dass Hanna und der Junge gut zu erkennen sind. Das Bild hat sie mir geschickt, kurz nachdem der Kleine geboren worden war. Es ist bereits eine ganze Weile her, bestimmt kann der Junge jetzt schon laufen. Vorsichtig taste ich über das Bild. Und Hanna? Trägt sie das Haar immer noch lang?

„Rück mal ein Stück! Ich komm zu dir.“

Ich schaue auf, als sich die massige Gestalt neben mir im Graben niederlässt. Es ist Edgar. Seit ein paar Tagen ist er hier. Woher er kommt, weiß ich nicht. Vielleicht hat er es uns erzählt, aber ich kann mich nicht an seine Geschichte erinnern. Jeder hier hat doch irgendwas zu erzählen, was er erlebt hat. Aber ich hab schon so viel gehört, dass mich neue Geschichten kaum noch interessieren.

„Alles klar bei dir?“, fragt Edgar und haucht mir ins Gesicht.

Er riecht nach irgendeinem billigen Fusel. Dazwischen drängt sich ein säuerlicher, abgestandener Geruch hindurch. Beinahe wird mir schlecht von seinem Gestank.

„Alles klar bei mir“, sag ich jedoch und schrecke zusammen, als ich den Hund hinter Edgar erkenne. Ein riesiges Vieh ist er, vermutlich eine Dogge. Wohl einer der Spürhunde, scharf und gut ausgebildet. Aber ihrem Herrn gehorchen sie aufs Wort. Und kein noch so lauter Knall lässt sie aufheulen.

„Auch ’n Schluck?“ Edgar hält mir eine Flasche entgegen.

Als ich seine Hand sehe, fällt mir seine Geschichte wieder ein. Zwei Finger haben sie ihm abgeschossen, hat er erzählt. Muss aber schon ein paar Monate her sein, es ist gut verheilt.

„Danke.“ Ich schütte das Gebräu hinunter. Der Geschmack ist so widerlich wie der Gestank, den Edgar verströmt, aber wenigstens wärmt es von innen. Außerdem muss man hier nehmen, was man noch kriegt, die besseren Sachen sind schon lange aus. Die härteren ebenfalls.

„Der Hund soll sich ducken“, raune ich. „Man sieht ihn ja von der anderen Seite her!“ Wenigstens ist er schwarz.

Als hätte er mich verstanden, drückt sich der Hund zwischen Edgar und mir in den Graben. Er riecht um Längen besser als wir. Und ist auch besser beieinander.

„Wird eine kalte Nacht“, sag ich leise.

„Ja.“ Edgar nickt. Er schaut auf zum wolkenlosen, sternenklaren Himmel. „Ich fürchte es.“

Zitternd hüllt er sich dichter in seinen Schlafsack. Und ich lehne mich beinahe dankbar an den warmen Körper des Hundes.

Schweigend verharren wir nebeneinander im Graben. Noch ist es ruhig. Und die Ruhe muss man genießen. Niemand kann sagen, wie lange sie andauert. Irgendwann fangen sie ja doch wieder mit dem Schießen an.

Als ich hinüberblicke, sehe ich, dass Edgar eingeschlafen ist. Trotz der eisigen Kälte. Recht hat er. Wer schlafen kann, muss schlafen, wer weiß, wann man das nächste Mal dazu kommt.

Mir selbst gelingt es nicht. Irgendwann denke ich, dass ich eine Zigarette wagen kann, so ruhig wie es immer noch ist. Vielleicht kommen wir sogar durch die Nacht, ohne dass wir … Und spätestens im Morgengrauen werden wir abgelöst. Das heißt, wenn dann noch jemand da ist, der uns ablösen kann.

Mein Magen knurrt. Ich wühle im Rucksack und finde einen Rest stinkenden Fisch in einer offenen Dose und ein paar durchweichte Brotscheiben. Es hilft nichts, der Hunger ist stärker als der Ekel und ich würge alles hinunter. Immer wenn ich hungrig bin, bin ich sicher, dass der Hunger das Schlimmste hier draußen ist. Aber wenn die Nacht kommt, dann bin ich sicher, dass die Kälte das Schlimmste ist. Oder der Regen und seine Feuchtigkeit. Oder die Läuse und Flöhe. Oder die Sehnsucht. Ja, die Sehnsucht ist das Allerschlimmste.

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